Meine verlorene Heimat ließ sich ersetzen.


(2001)
veröffentlicht

Der zweite Weltkrieg trieb so viele Menschen aus ihrer angestammten Heimat in eine für sie unbekannte neue Welt. So landeten wir, meine Mutter, Oma, Schwester und ich nach mehreren Stationen in Schleswig, einer Stadt an der Schlei im Norden Deutschlands.

Meine Erinnerungen sind bruchstückhaft, aber dennoch intensiv. Wir waren in einem alten, schiefen grauen Haus direkt unterm Dach untergebracht. Die Räume waren durch Bretterwände aufgeteilt und hatten vier kleine Fenster. Die Decke war sehr niedrig und manchmal standen zwei Töpfe mit Primelblumen auf einem der Fenster. Die Blütenformen und die verschiedenen Farben faszinierten mich. Oft schaute ich da zur Straße hinaus, besonders an trüben Tagen, wenn sich auch kein anderes Kind draußen blicken ließ. Es war eine Bergstraße mit altem Kopfsteinpflaster, auf der noch viele Pferdewagen hoch und runter polterten, und so mancher Kutscher die Pferde mächtig bremsen mußte. An regenfreien Tagen spielten wir Kinder ums Haus herum, dachten uns die wunderlichsten Spiele aus, und manchmal, oder auch oft, flog der Ball über die Nachbarsmauer, auf deren Oberkante große, bunte Glasscherben eingemauert waren. Hinüberklettern konnten wir nicht so richtig und mußten deshalb den Ball vom Nachbargrundstück holen, auf dem im Untergeschoß eine ältere Frau wohnte. Wenn sie dann den großen Riegel am Holztor hörte, begann wieder das Geschrei, das durch die ganze Straße hallte. In dem Haus waren noch weitere Flüchtlingsfamilien sowie Angehörige der britischen Besatzungsmacht untergebracht.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Eingang, vor dem ich so manche Stunden verbrachte und mir das Leben der Zeit so anschaute. Es kam auch vor, daß Verbrecher und Polizei in Handschellen vorbeimarschierten. Über eine steile Steintreppe, die vom unteren Park heraufführte, kamen ab und an auch mehrere aneinandergekettete Männer. Wie Verbrecher aussehen müssen, davon hatte ich keine Ahnung. Aber diese sahen für mich gar nicht so böse aus, denn sie lächelten mir zu, im Vorübergehen. Gerne hätte ich sie befreit und winkte ihnen ganz vertrauensvoll, kindlich, voller Mitleid entgegen.

Wenn ich so an die Abendstunden denke, dann fallen mir meine persönlichen Tanzminuten ein, die ich im langen Flur, vom Eingang bis zur Treppe, vollbrachte. Mit einer langen Schürze meiner Oma, vollführte ich Sprünge und sogenannte Pirouetten, machte kunstvolle Verrenkungen. Ich war in diesen Momenten eine richtige Tänzerin. Wenn dann durch den Lärm der Sprünge einer aus der Tür schaute, lief ich wie ein Wiesel nach oben, glücklich für die paar Tanzminuten in meiner Scheinwelt. Unser Familienleben spielte sich in beengten Räumen ab, die mit der kleinen Küche begannen, weiter durch einen Wohnraum führten und in einer Schlafstube endeten. Neben dem Küchenschrank stand ein kleiner Holztisch, den ich nicht besonders mochte, weil in Abständen dort zerschnittene Aale lagen, die von alleine weiterzappelten. Ein unbegreiflicher Anblick für mich. Sonntags saß meine Mutter mit einem Frisierumhang vor dem kleinen Küchenfenster und wurde von der Oma mit einer Brennschere onduliert. Wir Mädchen bekamen die damals berühmte „Kammtolle“ mit einer roten oder weißen Schleife eingebunden. So sahen viele andere Kinder auch aus, und andere wiederum hatten kurze oder lange Zöpfe, die Enden mit Spangen oder auch Schleifen verziert.

In Abständen tauchte eine fremde Frau mit einer Tasche voll interessanter Kämme und eigenartiger Utensilien bei uns auf . Mit dem Läusekamm, so sagte sie, gehe sie zu allen Kindern, und so ließen wir uns mit dem sonderbaren Kamm die Haarentlausung gefallen. Es waren wirklich Läuse im Kamm, und so hatten wir Kinder uns auf der Straße wieder was Lustiges zu erzählen.

Im sogenannten Wohnzimmer hatte man gerade Platz genug, um den Tisch zu umrunden, der von fünf verschiedenen Stühlen umstellt war. Aus jedem Dorf ein Hund, wie man so zu sagen pflegte. Ringsumher an der Wand standen ein kleiner Kachelofen, eine braune Bretterkomode, ein altes durchgesessenes Sofa, anfangs mein Gitterbett, später dann ein großes weißes Bett. Wenn es Kartoffelpuffer ohne Fett in der Pfanne gab, mußte ich immer das Fenster öffnen, denn der Qualm beherrschte den ganzen Raum, und nichts war mehr zu erkennen. Ich fand das stets lustig, das Gehuste und Gepruste, und sobald der Qualm entwichen war, wurden die schwärzlichen Kartoffelpuffer sichtbar. Wir vertilgten sie frisch aus der Pfanne, sie schmeckten etwas eigenwillig, aber sie schmeckten.

Ich half auch des öfteren meiner Oma auf einem schmalen Stück Wiesenland, das den Flüchtlingen von der Stadt zugeteilt worden war. Ich erinnere mich, daß ein Polizist mit strengem Blick des Weges kam, als wir gerade am Ernten waren. Seine Aufgabe war, zu kontrollieren, ob man auch den berechtigten Ausweis für das zugewiesene Stück Land hatte. So war es dann auch. Es sei schon oft vorgekommen, so erzählte er uns, daß Unberechtigte einfach irgendwo ernteten. Durch diese Landzuteilung hatten wir wenigstens etwas frisches Gemüse, Kartoffeln und besonders Rote Beete, die wochenlang und täglich als Suppe mit einer Kartoffel in der Mitte, auf dem Tisch stand. Ich wundere mich noch heute, daß mir Rote Beete trotzdem immer noch schmeckt, egal in welcher Zubereitung. Aber dennoch bekam ich trotz der vorhandenen Vitamine schweren Typhus. Ich muß so um die vier Jahre alt gewesen sein, als wegen der vielen Typhuserkrankungen ein Gefängnisflügel im Ort zur Quarantäneabteilung umfunktioniert wurde. So kam ich in ein richtiges Gefängnis und verbrachte dort ungefähr vier Wochen in „Einzelhaft“. Zum damaligen Zeitpunkt wußte ich natürlich nicht, daß ich mich im Gefängnis befand, blickte auf ein kleines vergittertes Fenster, auf einen kleinen Tisch an der Wand, auf dem Tag und Nacht unübersehbar die scheußliche Flasche mit dem Lebertran stand. Hohes Fieber und Durchfall begleiteten meinen Tagesverlauf und ich wiederholte beständig die gleichen Wörter: „Oma, Oma, Mama, Mama!“ Die Pflegeschwestern wußten sich keinen Rat. Eine Lösung fand sich erst, als auch meine Schwester eingeliefert wurde. Mit nackigem Po, für den ich mich sehr schämte, trugen sie mich auf den langen Flur und ließen mich durch ein Guckloch in einer anderen Tür schauen. Dort sah ich meine Schwester auf dem Bett liegen, und seit diesem Zeitpunkt hatten die geplagten Krankenschwestern vor meinem unaufhörlichen Gejammer Ruhe. Manchmal erschienen die Köpfe von meiner Oma und meiner Mutter vor dem kleinen vergitterten Fenster. Es kam aber nie jemand herein, auch erklärte mir keiner, warum das so war. Eine Gefühlswelt zerbrach so in mir. Mit all diesen Ängsten, unbewußt und durch das Fluchtleben ausgelöst, war ich nun auch noch allein in einem Raum, bemalte mit einem Griffel eine schwarze Schiefertafel. Neben meinem Kopfende war eine Tür mit einem Guckloch und einer Klappe darunter. Sie ging manchmal auf und eine freundliche Frau blickte dann hindurch und sprach mit mir. Diese kleine Geste der Zuwendung war wie ein Lichtstrahl auf meinem Herzen und wirkte beruhigend in meinem trostlosen Dasein.

Irgendwann wurde ich zu anderen Kindern verlegt. Ein beliebter Zeitvertreib war es, die dicken Brummer am Fenster zu zerquetschen. Einmal wurde mir auch ein Maikäfer als Geschenk mitgebracht, aber als der Besuch ging, mußte ich ihn wieder fliegen lassen. Mir blieb ein trauriges Kinderherz und das Lied: “Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg ...!“ Kartoffelbrei mit Spinat habe ich dort als Köstlichkeit empfunden und bin noch heute der Meinung, keinen besseren je wieder gegessen zu haben. Eines Tages durfte ich mir wieder Sachen anziehen, es war soweit - meine Mutter holte mich ab. Wir gingen an einer hohen Mauer entlang, die Sonne schien hell, und ein befreiendes Gefühl durchzog mein Herz. Das Begrenzte und Fremde hatten ein Ende, ich kam in den Schoß der Familie zurück.

Eines Tages stand ein Mann in der Wohnung und man sagte mir, daß dieser mein Vater sei. Sein Kopf stieß fast an die Zimmerdecke. Das war nun mein Vater, der aus dem Krieg kam, der Schuhe besohlen konnte und mir viele Geschichten erzählte. In Abständen nahm er mich mit an den Strand der Schlei, band sich einen Beutel um den Bauch und schwamm zur Möweninsel. Ich wartete indessen am Strand und sah aufs weite Wasser, bangte um meinen Vater. Doch jedesmal, wenn ich ihn wieder auf mich zukommen sah, war die Freude groß, und ich nahm den Beutel mit den Möweneiern vorsichtig entgegen. So wurde das Essen in der Nachkriegszeit manchmal doch etwas abwechslungsreicher. Ein besonderes Erinnern habe ich daran, daß meine Oma im Winter am warmen Ofen saß, ich vor ihren Füßen auf einer Fußbank sitzend dem lauschte, was sie aus einem großen Buch vorlas. Voller Ehrfurcht vermittelte sie mir die Wertschätzung für das Buch der Bücher, die Bibel. Es sei ein Buch von Gott, und man müsse es gut aufbewahren, weil seine Gedanken darin festgehalten sind. Das war eine Lebensprägung für mich und gab mir Halt bis zum heutigen Tag. Beim Vorlesen liefen ihr auch manchmal Tränen über die Wangen und das berührte mich so sehr, daß ich mitweinte; hörte Worte wie Kriege, Hunger, Seuchen, Drangsale, und daß wir wirklich in solch einer Zeit leben würden. Zu anderen Zeiten saßen die beiden Frauen, wenn das Tageslicht verschwunden war, vor Kerzen und strickten für die Dänenleute Pullover mit Norwegermuster. Die Oma die Ärmel und Rücken, die Mutter das Vorderteil mit dem Muster, das mein Vater auf Papier gezeichnet hatte, und ich schaute dem ganzen Treiben, irgendwas spielend, zu. Als Gegenleistung für die Strickpullover gab es Eier, Butter, Käse und Brot.

Einmal überraschte mich meine Oma mit einer selbstgenähten „Flickerpuppe“. Arme, Beine, Körper und Kopf bestanden aus alten ausgestopften Seidenstrümpfen, das Gesicht war mit bunter Wolle bestickt, ein Kleid zierte den Körper. Welch ein Glücksgefühl, eine Puppe für mich ganz alleine, mit der ich spielen und der ich alles erzählen konnte! Ich nannte sie Ute und in späteren Jahren bekam sie einen Schulterkopf aus Pappmaschee aufgenäht. Wie liebte ich doch diese Puppe! Leider ging sie mir in späteren Jahren verloren und mir blieb nur eine Zelluloidpuppe als Kindheitserinnerung erhalten.

Meine Familie erzählte oft und gerne vom Leben in Rastenburg in Ostpreußen. Sie waren dort wohlhabende angesehene Geschäftsleute gewesen, nun aber nur noch Flüchtlinge, die im „Kohlenkasten“ angekommen waren, ohne Hab und Gut, auf das Gutdünken anderer angewiesen. Es gab aber auch hilfsbereite Einheimische, die gerne halfen und mich sogar einmal als Blumenmädchen zu einer Hochzeit einluden. Als ich aus der Hochzeitskutsche ausgestiegen war und vor dem großen Dom stand, die „Riesentür“ sah, da war’s um mich geschehen. Vor lauter Staunen vergaß ich das Blumenstreuen, erst durch die Rufe der Hochzeitsgäste kam ich wieder zu mir. Weil ich ein besseres Leben nur vom Hörensagen kannte, empfand ich meinen damaligen Lebenszustand nicht als besonders negativ. Mein Vater jedenfalls konnte gut organisieren und so hatten wir als Familie das Notwendigste für das alltägliche Leben.

Diese Kindheitserinnerungen spielten sich in den Jahren 1946 - 1948 ab und es ließe sich dazu noch vieles hinzufügen. Was ich aus all diesen Erlebnissen gelernt habe ist, daß man tolerant und hilfsbereit zu Fremden sein sollte. Die Geschichte hat es gezeigt und die Gegenwart zeigt es immer noch, daß Unvorhergesehenes, wie Kriege, Katastrophen, Regierungswechsel, Aufstände und vieles mehr einen jeden über Nacht zum Fremden machen kann. Ganz plötzlich hört das gewohnte und gesicherte Leben auf, und man wird in unbekannte Breiten gejagt, ohne Besitz, ohne gewohnten Beistand. Wie angenehm ist es dann, wenn es Menschen gibt, die helfen. Solches Handeln fördert das Integrieren und hilft den Betroffenen ihre Würde zu behalten. Egal welcher Herkunft, Rasse oder welchem Stand wir angehören, aus Gottes Sicht haben alle Menschen das gleiche Daseinsrecht hier auf Erden. Für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohlfühlen kann, mein Auskommen zum Leben habe und es Menschen gibt, die mir etwas bedeuten. Da ich alles mit meinen Kinderaugen betrachtete, habe ich auch kein Heimatgefühl im herkömmlichen Sinn.

© Heidrun Gemähling